Dokumentation · Forschung · Exkursion

Migration, Transformation, Erinnerung - Kroatien im 20. und 21. Jahrhundert

Vom 1. bis zum 6. Juni 2026 führte unsere Exkursion nach Kroatien. Ziel der Reise war es, die gesellschaftlichen und historischen Entwicklungen des Landes unter den Leitmotiven Migration, Transformation und Erinnerung im 20. und 21. Jahrhundert zu untersuchen. Um diesen vielschichtigen Themenkomplex aus unterschiedlichen Perspektiven zu erschließen, arbeiteten wir in Kleingruppen, die jeweils einen spezifischen Schwerpunkt bearbeiteten. Die historisch ausgerichteten Gruppen widmeten sich dem habsburgischen Erbe, dem Sozialismus, dem Zweiten Weltkrieg sowie dem Heimatkrieg. Ergänzt wurden diese durch die thematisch orientierten Arbeitsgruppen „Migrationen in Vergangenheit und Gegenwart“ sowie „Transformationserfahrungen“.

Ungeachtet ihrer unterschiedlichen Forschungsschwerpunkte verfolgten alle Gruppen ein gemeinsames Erkenntnisinteresse: die Frage, in welcher Weise die untersuchten historischen Prozesse und gesellschaftlichen Umbrüche bis in die Gegenwart nachwirken und wie sie sich im kulturellen Selbstverständnis sowie im Alltag der kroatischen Gesellschaft manifestieren. Im Rahmen unserer Feldforschung besuchten wir die Städte Zagreb, Požega, Osijek und Vukovar. Dort kamen unterschiedliche qualitative Forschungsmethoden zum Einsatz. Durch filmische und fotografische Dokumentationen sowie Interviews mit Passantinnen und Passanten, Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sowie Expertinnen und Experten gewannen wir vielfältige Perspektiven auf die behandelten Themen und konnten unsere Fragestellungen aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchten.

Die Ergebnisse dieser Forschungsarbeit sind auf dieser Website aufbereitet. Wir laden Sie herzlich dazu ein, unsere Erkenntnisse nachzuvollziehen und Kroatien aus der Perspektive historischer Erinnerung, gesellschaftlicher Transformation und migrationsgeschichtlicher Entwicklungen zu entdecken.

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Artikel

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Über das Projekt

So haben wir gearbeitet

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Artikel · Transformation

Transformationserfahrungen

Transformation beschreibt den tiefgreifenden Wandel von Architektur, Arbeit und der Gesellschaft, der das Leben von Einzelnen und von Gruppen zugleich verändert. Um herauszufinden, wie Transformation in Kroatien wahrgenommen wird, haben wir vor allem Interviews mit Passant:innen geführt. Hierbei haben wir Menschen unterschiedlicher Lebensabschnitte befragt. Neben den Interviews haben wir unsere Eindrücke durch Videos und Fotos veranschaulicht, um deutlich zu machen, dass Transformation nicht nur die Gesellschaft und Politik betrifft, sondern auch die Architektur.

Wir haben beobachtet, dass viele ehemalige Industrieunternehmen privatisiert, geschlossen oder umgenutzt wurden. Besonders in Städten wie Zagreb entstanden auf damaligen Industrieflächen neue Geschäfts-, Wohn- und Dienstleistungszentren, und trotz allem gingen gleichzeitig zahlreiche Arbeitsplätze verloren, was uns Passant:innen größtenteils bestätigt haben. Während einige historische Gebäude renoviert und neu genutzt werden, verfallen andere oder weichen modernen Bauprojekten.

Ein weiteres aufkommendes Thema war der EU-Beitritt. Dieser wird unterschiedlich eingeschätzt von unseren befragten Personen, da für jüngere Leute neue Herausforderungen entstehen, während ältere Generationen ihn eher als etwas Positives ansehen. Eine Folge dessen ist, dass zahlreiche Kroatinnen und Kroaten in andere europäische Länder wie zum Beispiel Deutschland auswandern.

Die Transformation Kroatiens ist daher nicht nur ein wirtschaftlicher Prozess, sondern ebenfalls ein gesellschaftlicher Wandel. Sie zeigt, wie gespalten das Land in diesen Hinsichten ist. Zum einen spiegelt sich das in einem liberalen und offenen Lebensstil bzw. Weltbild wider, auf der anderen Seite wird der tief verwurzelte Nationalismus deutlich.

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Artikel · Zagreb

Ankunft und erste Eindrücke

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Artikel · Habsburg

Das Habsburger Erbe

Beinahe 400 Jahre herrschte das mächtige Habsburger Reich über große Teile Europas, darunter auch das heutige Kroatien (1527–1918). Unzählige barocke Prachtbauten, Gesellschaftsreformen, Herrschaftskonflikte und einige schwere Kriege später, stellen wir uns die Frage, was im 21. Jahrhundert von der Habsburger Herrschaft in Kroatien verbleibt. Welche Grundsteine setzten die Habsburger der gegenwärtigen kroatischen Infrastruktur und Architektur? Wie prägte die Bevölkerungs- und Ansiedlungspolitik der Habsburger die heutige ethnische und sprachliche Vielfalt der kroatischen Gesellschaft?

Auf diese Fragen haben wir Antworten in den zahlreichen Facetten kroatischer Stadtlandschaften und Biografien gesucht. Dabei zeigte sich schnell, dass dieses Erbe regional sehr unterschiedlich sichtbar ist: Während Zagreb bis heute mit seinen repräsentativen Bauten und seiner Stadtplanung stark an Wien erinnert, machen in Osijek vor allem die Festungsanlage, die multiethnische Geschichte und die Lage an der ehemaligen Militärgrenze das habsburgische Erbe aus.

Eine grundlegende Frage hat uns besonders beschäftigt: Wie präsent ist das Habsburger Erbe im Alltag der Kroaten und was verknüpfen Menschen heute mit dieser Zeit? Eine einfache Antwort auf diese Frage gibt es nicht. Von Dankbarkeit über gleichgültige Akzeptanz bis hin zu offenem Missfallen fingen wir alle Reaktionen ein. Einigkeit bestand jedoch in der Tatsache, dass das Habsburger Erbe zwar überdauert, jedoch keine wirkliche Präsenz in der kroatischen Erinnerungskultur einnimmt.

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Artikel · Habsburg

Stimmen zum Habsburger Erbe

Damir Vlahovic
Damir Vlahovic, Mitarbeiter am kroatischen Nationaltheater Zagreb
Studierende der filozofski fakultet
Studierende der filozofski fakultet der Universität Zagreb
„Geschichte wiederholt sich nicht, warum sollten wir darüber sprechen.“ Damir Vlahovic
„Man lebt für die Zukunft, nicht in der Vergangenheit.“ Damir Vlahovic
„Wir haben den Habsburgern viel Kultur und Infrastruktur zu verdanken (…) sie haben uns den Anschluss an Westeuropa ermöglicht.“ Damir Vlahovic
„History repeats itself (…) the same thing that was going on, when the Habsburg monarchy was up, it's still happening today, just in different forms.“ Studierende, filozofski fakultet Zagreb
„Croatia was always Croatia (…), but everything is influenced by them (the Habsburg Monarchy), so I think it's really colonial by them.“ Studierende, filozofski fakultet Zagreb

Fazit der Interviewten: „It's really difficult for us to dive into that history, because it's really far away from us, and you know after Habsburg monarchy there was Yugoslavia and now, we don't know, (..) we are Croatians, (…) but everything is like mashed up together, and nobody really knows what to root for, which political side to be on, what is Croatia at its core.“

Unser Fazit: In den Interviews stellten wir fest, dass die Menschen ihr Wissen über die Habsburger Monarchie zunächst unterschätzten. Im weiteren Gespräch wurde jedoch deutlich, dass grundlegendes Wissen zu diesem Thema, meist noch aus der Schulzeit, bestand. Die kollektive Erinnerung an die Habsburger Zeit wird durch jüngere Ereignisse, wie den Zweiten Weltkrieg und den Heimatkrieg, aus dem gesellschaftlichen Diskurs verdrängt.

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Artikel · Transformation

Gesellschaft

LGBTQ+ Flagge in Zagreb
Bild 1: LGBTQ+ Flagge in Zagreb
„I guess what changed in Croatia (…) what you see is change; like buildings, your lifestyle… I think Croatia has become more liberal as a whole, people are more open-minded. And I see some new constructions, new apartment buildings, roads are being fixed…“ Passant
„I guess what changed in Croatia [...] what you see is change; like buildings, your lifestyle... I think Croatia has become more liberal as a whole, people are more open minded. And I see some new constructions, new apartment buildings, roads are being fixed and so on, but there is still much to do, you know, because, since the war...some buildings should be renovated, a lot of them...and I mean, I think the situation with this part of Croatia, in Slavonia, with people is, that they are still leaving [...] to Germany, to Ireland, or such countries, because it's a better life [...] and I mean, the inflation hit us all, pretty much in Croatia, I think it's one of the worst in Europe, I mean the rating of Inflation, I think it's the highest number [...] that's, more or less, [it] about the first question, things are being done, but they should be done more.“ (Passant, Osijek)
Fahrradstellplatz in Zagreb
Bild 2: Fahrradstellplatz in Zagreb
Rechte Aufkleber in Kriegsmuseum
Bild 3: Rechte Aufkleber in Kriegsmuseum

Es gibt verschiedene Meinungsbilder zu Kroatiens gesellschaftlichen Entwicklungen seit den 1990er Jahren. Auf der einen Seite gibt es den tiefen Wunsch nach einem gemeinschaftlichen Miteinander. Dieses Miteinander reicht von einer Jugo-Nostalgie, welche an eine vermeintliche Zeit der lokalen Selbstversorgung und des Zusammenhalts erinnert, bis hin zu einer Offenheit für rechtsextremes Gedankengut. Letzteres zeigt sich vor allem nach dem Großkonzert der stark kontroversen Band „Thompson“ im Juli 2025 in Form von öffentlicher Verherrlichung von rechtsextremen Symbolen. Auf der anderen Seite wird in eine Zukunft gedacht, in der Kroatien sich kulturell dem westlichen Europa annähert. Vor allem die jüngeren Interviewten sprachen sich für Gleichberechtigung, Toleranz und ein friedliches Miteinander aus.

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Artikel · Transformation

Politik

Flagge Kroatiens
Bild 4: Flagge Kroatiens
„I think a lot of people actually view that we are part of the EU as a great thing. I think it is a good thing and generally most people have a positive attitude towards it.“ Passant
„I think a lot of people actually view that we are part of the EU as a great thing. I think it is a good thing and generally most people have a positive attitude towards it and you know, a lot of money comes from the EU, in projects and so on [...] so that's good, things are developing, I think, much faster than [if] we weren't [in] the EU, and I think people are generally happy with it, [but] we had a little bit of [a bias] with [the] Euro coming to us as a value, yeah, Kuna was before, and it was a big transition for us, but I think people got used to it pretty well, and I mean, the whole Europe is in Euro, so it does make sense, that's it“ (Passant, Osijek)
„Mislim da male zemlje ovdje na Balkanu baš pucaju na to (…) da budu uz nečiju čizmu.“
„Ich glaube, dass die kleinen Staaten hier auf dem Balkan immer danach streben, sich einer stärkeren Macht unterzuordnen.“ Studentin
„Većina nas mladih nekako želi ponovno to ujedinjene, i mislim da smo trenutno možda čak na dobrom putu za to. Jer, neka prošlost ostane prošlost i neka gradimo budućnost.“

„Kakav je pogled na EU, znači biti dio EU-a, u Hrvatskoj?“

„Pa ako pitate starije generacije to su htjeli, ali neznam, mogu li osobno na to odgovoriti? [...] Toliko su htjeli u EU, evo ga sada izgubila se valuta, lagano se gubi sve, imamo cijene po europskim standardima plaće nisu. Znači katastrofa [...] Mislim da male zemlje ovdje na Balkanu baš pucaju na to [...] da budu uz nečiju čizmu. A zato što smo mali svi pojedino, a da smo svi skupa ne bi nam trebao nitko. I ne vidim uopće potrebu zašto da idemo za Amerikom. I sad, bez uvrede, ali zašto mladi ljudi odlaze u Njemačku kada bi i ovdje mogli raditi i zivjeti jer je ovo tako divna zemlja a mislim da se to sve jako narušava pogotovo od ulaska u EU. Tu su sada jako puno mješanja kultura i svega, nemam ništa protiv ali nekako na duge staze to ne bi moglo biti dobro.“ (Studentin, Osijek)
Graffiti 1312
Bild 5: Graffiti „1312“
Tuđman Statue in Zagreb
Bild 6: Tuđman-Statue in Zagreb

Die politische Stimmung in Kroatien ist bis heute von Gegensätzen geprägt. Wesentliche Ursachen dafür sind der politische Umbruch in den 1990er Jahren sowie die langfristigen Folgen des Heimatkriegs. Die 1990er Jahre, die „Tuđman-Ära“ (Radonić 2010), waren gekennzeichnet von der autokratischen Führung des Präsidenten Franjo Tuđman und seiner Partei HDZ (Goldstein 1999). Menschen, die dieser politischen Regierung nahestanden, profitierten von den Privatisierungen der Firmen und Fabriken im Land, welche heute weitgehend leer stehen und verfallen (Goldstein 1999). Die darauffolgende Unzufriedenheit der Menschen führte nach dem Tod Franjo Tuđmans zu einem politischen Richtungswechsel, der eine stärkere Orientierung an liberalen Werten mit sich bringt. Heute ist die Stimmung im Land gespalten. Einerseits sind viele Bürger*innen unzufrieden mit den aktuellen Lebensstandards; es sei schwierig, sich in den aktuellen Krisen finanziell zurechtzufinden. Andererseits gibt es auch positiv Gestimmte; die EU-Mitgliedschaft fördere die Offenheit und den Fortschritt des Landes.

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Artikel · Transformation

Architektur

„And since those people were not (…) experts, economic experts, managers, etc. (…) they destroyed everything. They were the ones that collapsed the industry. They don't know the business, but they wanted to get rich very very fast, due to corruption and nepotism.“ Professorin
„[...] the privatization process [...] was a very messy process. [...] It [social property] was not only owned by the government, but by the people, formally. It went to private hands for very cheap. [...] The idea of privatization in Croatia is the idea of it being a huge robbery [...] this is something that dominates the public discourse of the economic transformation in the nineties. The discourse is that those that were close to the nationalist government were very privileged and they got the right to buy former socially-owned factories for one Kuna, let's say. This was former Croatian currency, which is one-seventh of an euro today. So this is kind of a hyperbolized image of modernization [...]. And since those people were not experts, economic experts, managers, etc. [...] they destroyed everything. They were the ones that collapsed the industry. They don't know the business, but they wanted to get rich very very fast, due to corruption and nepotism.“ (Professorin, Zagreb)
Verlassenes Hotel
Bild 7: Verlassenes Hotel
Altes Gebäude in Vukovar
Bild 8: Altes Gebäude in Vukovar
Beschossener Turm
Bild 9: Beschossener Turm

Die Transformation Kroatiens ist am deutlichsten in der Architektur seiner Städte abzulesen. Gebäude, die vom Krieg in Mitleidenschaft gezogen wurden, erleben die verschiedensten Schicksale; einige werden dem Boden gleichgemacht und durch moderne Neubauten komplett ersetzt, andere werden in ihren alten Zustand restauriert. Eine Vielzahl an Gebäuden wird auch dem Zerfall überlassen. Vor allem in Vukovar ist das ein häufiger Anblick. Im Kontrast zu Zagreb fehlt hier das Geld und das Interesse der Bevölkerung, die alten Gebäude mit neuem Leben zu füllen.

Eine besondere Spielart dieser Gebäudetransformationen wird von einem Forschungsteam in den zwei Forschungsprojekten „Postscapes“ und „PostCity“ an der Universität in Zagreb erforscht: Die ehemaligen Industriebauten im Umkreis von Zagreb sollen hier eine Quelle sein, um herauszufinden, wie sich der Postindustrialismus in Kroatien entwickelt.

Ausstellung „Ausstellung

„So these are important photos, because people are already long time dead, died, but their memories, their photos are still in walls.“ Ausstellungsleiterin
„Actually, [the] exhibition is about [...] passing time, like, our memories. A main topic in my exhibition is photos of [an] old house, [this] old house that is old, more than 100 years, [it's] in a village near Zagreb. And this house [has] photos of people who [went] to war in [the] First World War and [the] Second World War. So these are important photos, because people are already a long time dead, died, but their memories, their photos are still in [the] walls. And this house is really collapsing, like, [the] roof is damaged, [the] floor, everything. It's like some tree coming inside, trying to go inside [the] house, like nature. So that was the main topic for me [...]“ (Ausstellungsleiterin, Zagreb)
Bilderreihe aus der Ausstellung
Bild 10: Bilderreihe aus der Ausstellung
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